‘PRIVAT’ – 1. November 2012 – 3. Februar 2013 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

DIE SCHIRN BELEUCHTET IM RAHMEN EINER UMFANGREICHEN AUSSTELLUNG DIE RADIKALE AUFLÖSUNG DER PRIVATSPHÄRE UND DEN WEG IN DIE POST-PRIVACY

Anhand zahlreicher zeitgenössischer Kunstwerke geht die Schirn vom 1. November 2012 bis 3. Februar 2013 dem Thema der schwindenden Privatsphäre und der „Öffentlichkeit des Intimen“ nach. Privat – das ist heute fast schon ein Wort aus der Vergangenheit. Kaum noch passend in Zeiten, da alles auf Facebook gepostet wird, vom Lieblingskochrezept bis zum aktuellen Bezie-hungsstatus. Exhibitionismus, Selbstenthüllung, Erzähllust, Zeigefreude und Voyeurismus sind die sozialen Strategien unserer Zeit, in der längst ein Strukturwandel der Öffentlichkeit stattgefunden hat. In der zeitgenössischen Kunst spiegeln Fotografien, Polaroids, Handyfotos, Objekte, Installationen und Filme häusliche Szenen und persönliche Geheimnisse. Vertrautes und Intimes wird ins Bild gesetzt. Durch das Fenster eines Hinterhofs fängt beispielsweise Merry Alpern mit ihrer Kamera verschwommene Szenen hastiger sexueller Begegnungen ein, Akram Zaatari befasst sich in seiner romantischen Videoarbeit mit einem Onlinechat zwischen zwei Männern, und Fiona Tan vereint private Schnappschüsse aus unterschiedlichen Ländern zu großformatigen Tableaus. Die Ausstellung unternimmt anhand von rund 30 künstlerischen Positionen eindrückliche Exkursionen an die fragilen Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Anderen.

Evan Baden Emily, 2010 Aus der Serie Technically Intimate, 2010 Druck auf Aluminium 102 x 127 cm © Evan Baden

Evan Baden – Emily, 2010
Aus der Serie Technically Intimate, 2010
Druck auf Aluminium, 102 x 127 cm
© Evan Baden

Die Ausstellung „Privat“ wird durch die Kulturstiftung des Bundes gefördert.

Das Konzept von Privatheit ist heute untrennbar mit der medialen Vermittlung verbunden. Der Wunsch nach immer schnellerer Kommunikation ist von größter Bedeutung, und vor allem die Medien Fotografie und Film ermöglichen eine schrankenlose Ausdrucksoffenheit. Die öffentliche Inszenierung privater Ereignisse, Homestories, Talkshows, Reality-TV, private Homepages, Chat-rooms, digitale Fotoalben im Internet sowie die Präsentation von Persönlichkeitsprofilen für eine weltweite virtuelle Gemeinde sind Hinweise auf neue Formen öffentlicher Darstellung von Privatheit. Die aktuelle Debatte um den jüngst generierten Begriff der „Post-Privacy“ – der radikalen Offenheit des Persönlichen – stellt das bislang gültige Konzept von Privatheit in seiner Gesamtheit in Frage. Die Ausstellung „Privat“ sucht eine kritische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Bedeutungen von Privatheit sowie der Mechanik dieser spezifischen Bildproduktion.

Merry Alpern Dirty Windows #31, 1994 Silbergelatineabzug 45,4 x 30,4 cm Haus der Photographie/Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg © the artist, Courtesy Bonni Benrubi Gallery, NYC

Merry Alpern – Dirty Windows #31, 1994
Silbergelatineabzug, 45,4 x 30,4 cm
Haus der Photographie/Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg
© the artist, Courtesy Bonni Benrubi Gallery, NYC

Den Auftakt der Ausstellung bilden Amateurvideos, Tagebücher und private Fotoalben, die ein fast schon nostalgisches Verständnis von Privatheit dokumentieren, welches sich ab den 1960er-Jahren dramatisch zu verändern beginnt. Das Persönliche wird politisch. Der geistigen Enge des biedermeierlichen kleinen Glücks setzen die Künstler häufig Filme und Fotografien ihrer eigenen alternativen Lebensmodelle entgegen. Genderfragen, soziale Strukturen und die Organisation des täglichen privaten Lebens werden hier neu verhandelt. Für sein Video „Sleep“ (1963) filmt Andy Warhol seinen damaligen Liebhaber, den Beatpoeten John Giorno, über fünf Stunden lang schlafend. Der französische Avantgardefilmer Michel Auder präsentiert sich mit obsessiver Aufzeichnungswut in „Keeping Busy“ (1969) – seinem „it’s life film“ – im Zentrum bohemienhaften Lebens der 1960er-Jahre. Mark Morrisroes Polaroids zeigen intime Situationen seines schwulhedonistischen Lebens in der Punkszene von Boston und New York; sie erhalten durch handschriftliche Notizen eine besondere Authentizität. Auch die dysfunktionale Familie wird zu einem Thema, mit dem sich Künstler intensiv auseinandersetzen. Leigh Ledare dokumentiert die sexuellen Beziehungen seiner Mutter. Richard Billingham präsentiert in seiner Serie „Ray is a Laugh“ das Elend seines Elternhauses in einem Sozialbau von Birmingham, indem er seinen Vater Ray und seine Mutter Liz in ihrem von Drogen und Eintönigkeit geprägten Alltag fotografisch festhält.

Tracey Emin My Bed, 1998 Mixed Media 79 x 211 x 234 cm Courtesy The Saatchi Gallery © the artist © Photo Prudence Cuming Associates Ltd.

Tracey Emin – My Bed, 1998
Mixed Media, 79 x 211 x 234 cm
Courtesy The Saatchi Gallery © the artist
© Photo Prudence Cuming Associates Ltd.

Den Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit bildet schließlich der Bereich „Post-Privacy“; dort werden die aktuellsten Positionen zum Thema präsentiert. So verwendet der Brite Mark Wallinger in der Installation „The Unconscious“ Handyfotos, die er aus dem Netz zusammengesucht hat; sie zeigen Menschen, die in der Bahn vom Schlaf übermannt wurden. Auch Edgar Leciejewski, Peter Piller und Michael Wolf stellen die digitale Verfügbarkeit von Bildern über das Internet ins Zentrum ihrer Arbeiten. Christian Jankowski und Evan Baden beschäftigen sich mit den Auswirkungen der immer weiter voranschreitenden Digitalisierung und einer durch soziale Netzwerke und digitale Medien omnipräsenten Selbstdarstellungs- und Enthüllungskultur. Durch eine Persönlichkeit wie Ai Weiwei wird dagegen deutlich, welche wesentliche Bedeutung die Selbstdarstellung über das Internet – etwa durch Blogs und Twitter-Nachrichten – für die Verbreitung politischer Standpunkte und Botschaften haben kann.

Eine Auswahl der Künstler:

Ai Weiwei, Merry Alpern, Michel Auder, Evan Baden, Richard Billingham, Mike Bouchet, Stan Brakhage, Sophie Calle, Tracey Emin, Hans-Peter Feldmann, Leo Gabin, Nan Goldin, Christian Jankowski, Edgar Leciejewski, Leigh Ledare, Christian Marclay, Ryan McGinley, Marilyn Minter, Marc Morrisroe, Gabriel de la Mora, Laurel Nakadate, Peter Piller, Dash Snow, Fiona Tan, Mark Wallinger, Andy Warhol, Michael Wolf, Kōhei Yoshiyuki, Akram Zaatari

ORT: SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, D-60311 Frankfurt.
DAUER: 1. November 2012 – 3. Februar 2013.
ÖFFNUNGSZEITEN: Di, Fr–So 10–19 Uhr, Mi und Do 10–22 Uhr.
INFORMATION: www.schirn.de,

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