Ausstellung: ‘DINGE. schlicht & einfach’ – 13. Juni – 7. Oktober 2012 – MAK Wien

Die MAK-Ausstellung DINGE. schlicht & einfach thematisiert in einer außergewöhnlichen Herangehensweise das Ideal der Einfachheit epochen- und kulturübergreifend als ein prägendes und bedeutendes Element der Stilgeschichte. Die breit angelegte Sammlungsausstellung beschäftigt sich aus verschiedensten Perspektiven mit dem Prinzip der Reduktion, wobei Einfachheit nicht nur als Prämisse der Ästhetik sondern auch im Kontext gesellschaftspolitischer und soziologischer Phänomene diskutiert wird.

MAK Ausstellungsansicht - DINGE. schlicht & einfach

MAK-Ausstellungsansicht, 2012, DINGE. schlicht & einfach, MAK-Ausstellungshalle – © MAK/Katrin Wißkirchen

DINGE. schlicht & einfach vereint in einem bemerkenswerten kuratorischen Experiment parallel laufende Themenausstellungen. Kuratiert von drei Sammlungsleitern des MAK spürt die Ausstellung der Ästhetik der Einfachheit sowohl in der europäischen als auch in der asiatischen Kunstgeschichte nach. Eindrucksvoll belegen die gezeigten Exponate, wie Reduktion über die Jahrhunderte in nahezu periodischen Wellen immer wieder stilgebend ist.

DINGE. schlicht und einfach versteht sich als kunst- und kulturhistorisches Plädoyer für die Ideale der Schlichtheit und Einfachheit in der Form und ist durchaus als Aufruf zu einer neuen Schule des Sehens zu werten, die nicht Materialopulenz und endlose Verzierung, sondern die Vollendung im Schlichten und einfach Geformten in den Vordergrund stellt. Das MAK knüpft damit an seinen Gründungsauftrag an, als Vorbildsammlung Kunst und Industrie zu fruchtbarem Zusammenwirken anzuspornen“, so MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein.

Während Einfachheit in der Aufarbeitung des Möbeldesigns vor allem als gestalterisches Problem der Moderne untersucht wird, konzentriert sich der Ausstellungsteil zur Schlichtheit von alltäglichen Dingen auf die Gegenpole der Funktionalität im Gebrauch sowie der Mäßigung im Luxus. Die Erforschung der asiatischen Kunstgeschichte setzt Einfachheit in Relation zu Lebensart und Weltanschauung und gleichzeitig zu europäischen Tendenzen.

Einfache Möbel

Funktionalismus und Purismus, Bescheidenheit und Mäßigung, Ärmlichkeit und Luxus: Der Streifzug durch die einfache Möbelgestaltung – angefangen im Biedermeier, über Michael Thonet und die Möbel des frühen 20. Jahrhunderts etwa von Otto Wagner, Josef Hoffmann und Frank Lloyd Wright, über internationale Positionen der Zwischenkriegszeit unter anderem von Josef Frank, Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe bis hin zubaktuellen Beispielen von Jasper Morrison oder Jerszy Seymour – stellt im Ausstellungsteil Einfache Möbel die Fülle der Assoziationsfelder des Ideals der Einfachheit zur Schau.

Das vielfältige stilistische Spektrum einfacher Möbelgestaltung liest sich exemplarisch an einer Auswahl von Tischsituationen seit dem frühen 19. Jahrhundert – Wohnzimmer- und Küchentische, aber auch Schreib- und Arbeitstische samt Stühlen und Hockern: Nicht umsonst wird das Biedermeier mit der „Erfindung der Einfachheit“ in Verbindung gebracht, denn damals gewann einfache Zweckmäßigkeit erstmals als eigene ästhetische Qualität an Relevanz bei der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen.

Mit den klassischen Attributen, die man mit Einfachheit verbindet, also mit reduzierten Formen, Verzicht auf Dekor und strenge Funktionalität, konnten sich dann auch die Bugholzmöbel der Firma Gebrüder Thonet gegen den opulenten Zeitgeschmack des Historismus durchsetzen. Einfachheit gewann allerdings quer durch alle Bevölkerungsschichten an Relevanz. So wurden die – entsprechend den beengten Wohnverhältnissen und geringen finanziellen Mitteln der Arbeiterklasse – um 1900 vermehrt einfach entworfenen Möbel durchaus auch von der wohlhabenden Schicht geschätzt.

Das Paradoxon des „Reichtums der Einfachheit“ ist heute aktueller denn je. Luxusgegenstände dürfen sich durch eine vornehme Schlichtheit auszeichnen. Dazu passt auch die zurückhaltende Ästhetik der amerikanischen Minimal Art, einer der bedeutendsten Künstlerbewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die als stilbildend für Architektur und Design der Gegenwart gilt. In einer Zeit, in der alles verfügbar zu sein scheint, schmückt man sich mit Einfachheit.

Schlicht im Gebrauch / Einfach im Luxus

Exponate aus Keramik, edlem und unedlem Metall, Glas und Textil skizzieren im Ausstellungsteil Schlicht im Gebrauch / Einfach im Luxus die Entwicklung der Schlichtheit im Gebrauchsgegenstand vom 15. Jahrhundert bis heute. An den Dingen des Alltags wird die der Einfachheit innewohnende Dichotomie zwischen Kargheit und Luxus besonders evident. So orientierten sich Gebrauchsdinge ab dem 15. Jahrhundert mit klaren Formen und äußerst sparsamem Dekor an der gewünschten Funktion und den vorherrschenden handwerklichen Fähigkeiten. Als ästhetisches Ideal fand Einfachheit allerdings schon damals Einlass in das Design des luxuriösen, repräsentativen und aus hochwertigen Materialien gefertigten Tafelgeräts.

MAK Ausstellungsansicht - DINGE. schlicht & einfach

MAK-Ausstellungsansicht, 2012, DINGE. schlicht & einfach, MAK-Ausstellungshalle – © MAK/Katrin Wißkirchen

Mit einer unübertroffenen Einfachheit im Ausdruck üben undekorierte Silbergegenstände als Tischgerät und Toilettengarnituren, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Wien ausgeführt wurden, noch heute eine besondere Wirkung aus. Eine ähnliche Ästhetik findet sich bei zeitgleichen Erzeugnissen der Wiener Porzellanmanufaktur. Produkte beider Materialgruppen könnten Impulsgeber für die Entwerfer der Wiener Werkstätte gewesen sein. Einfache Gitterobjekte in Eisenblech und Silber nach Entwürfen von Josef Hoffmann und Koloman Moser sind ebenso einzigartige Beispiel der schlichten Form wie Bestecke, Kassetten oder Tee- und Kaffeeservice.

Dieser Ausstellungsteil zeigt darüber hinaus Schmuck der 1980er und 1990er Jahre des 20. Jahrhunderts, mit einer charakteristischen Reduktion im Entwurf bei gleichzeitiger Perfektion in der Ausführung. Mit den Protagonisten Peter Skubic, Manfred Nisslmüller, Gert Mosettig und Helfried Kodré nimmt Wien hier eine wichtige Position ein.

Einfachheit: der ostasiatische Weg

Mit 120 ausgewählten Objekten verfolgt der Ausstellungsteil Einfachheit: der ostasiatische Weg ostasiatische Gestaltungsprinzipien vom 4. Jahrhundert v. Chr. bis heute. Die Zuwendung zur Einfachheit lässt sich in den ostasiatischen Ländern erstmals in China ab dem 11. Jahrhundert, parallel zum Übergang vom Militärstaat zur Zivilverwaltung, durch Gelehrte und Beamte festmachen. In Anlehnung an den florierenden Chan-Buddhismus sowie an die eigene antike Denktradition schuf sich die neue regierende Schicht ihre eigene, vor allem gesellschaftspolitisch motivierte Ästhetik.

Reduktion wurde zum Ausdruck einer vorbildhaften Bescheidenheit und fand auch ihren Niederschlag in der Gestaltung von Alltagsgegenständen. Die Song-Kultur übte einen starken Einfluss auf die Nachbarstaaten aus, die wiederum in Verbindung mit ihren eigenen Traditionen eigenständige Weiterentwicklungen hervorbrachten. Auch wenn sich Japan mit einem bis ins 19. Jahrhundert regierenden Militärstand politisch konträr zu China entwickelte, fand auch dort die „Bescheidenheit“ in einer entpolitisierten Ebene ihre eigene Ausprägung. Das nicht wörtlich übersetzbare Begriffspaar „wabisabi“ deutet eine raffinierte, aber simple Schönheit an.

MAK-Ausstellungsansicht - DINGE. schlicht & einfach

MAK-Ausstellungsansicht, 2012, DINGE. schlicht & einfach, MAK-Ausstellungshalle – © MAK/Katrin Wißkirchen

Lange Zeit war Europa vom Dekor- und Formenreichtum asiatischer Kulturen fasziniert; der ästhetische Gestaltungswille der neu importierten schlichten
Dinge aus China, Japan und Korea regte in Europa zur Nachahmung an.

Ein besonders Augenmerk dieses Ausstellungsteils liegt auf zeitgenössischen asiatischen Gestaltungsprinzipien, denen mit 50 Objekten aus dem 20. und 21. Jahrhundert breiter Raum gewidmet wird. Einige der gezeigten Exponate wurden im Zuge der Vorbereitung der Ausstellung noch im Frühjahr 2012 in Kyoto und Osaka angekauft. Die Gegenüberstellung einer historischen japanischen Tempelglocke (Japan, Edo-Periode, datiert 1782) mit einer zeitgenössischen Glasklangschale (USA, laufende Produktion) ermöglicht den Ausstellungsbesuchern das akustische Erleben von in der asiatischen Tradition bis heute verankerten klaren, einfachen Tönen.

Die Ausstellung wird von einem dichten Rahmenprogramm begleitet. Weitere Informationen finden Sie unter http://www.mak.at

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